Chopin neu entdeckt

Zur 2-CD "CHOPIN - Complete Works for Piano and Orchestra - without Orchestra"


Konzertwerke in der Version für Klavier solo

 

Meine erste CD- Einspielung nach der  neuesten Polnischen Chopin Urtextedition unter der Leitung von Professor Ekier fand 2007 statt, nachdem ich mich entschloss, u. a. Chopins Balladen einzuspielen. Obwohl ich auch bei Prof. Ekier studierte, war es in Polen üblich nur die Ausgabe von Paderewski zu nutzen. Was vielen Pianisten nicht bekannt ist, und was für mich damals von keiner  großen Bedeutung war, hat Paderewski der Edition nur seinen Namen gegeben. Die tatsächlichen  Herausgeber waren eigentlich Jozef Turczynski und Ludwik Bronarski, die sich sehr viel Freiheit bei der Ausgabe Chopinscher Werke erlaubt hatten. Ich verglich Ekiers Urtextedition mit Paderewskis Ausgabe und stellte fest, dass die Unterschiede gravierend sind. Die neue polnische Edition unterscheidet sich von anderen Chopin Ausgaben, auch von Henle Urtextedition, teilweise durch Phrasierung, Dynamik, Pedalisieren, sogar Harmonie. Obwohl ich drei von Chopins Balladen vor paar Jahren  nach Paderewskis Ausgabe aufgenommen hatte, entschloss ich mich dieses Mal für die Ekier Edition, die ich persönlich sehr inspirierend finde. Der Aufwand war gross, weil ich viel „umlernen“ musste, meine Überzeugung, dass ich das Richtige tue, war jedoch noch grösser.

 

Die neueste polnische Ausgabe, als einzige basiert auf allen existierenden Quellen, stammenden unmittelbar vom Komponisten (vor allem Autographen, von Chopin korrigierten Kopien von Autographen, für den Unterricht erstellten Erstdrucken), und falls diese fehlen sollten, auf den, diesen möglichst nahe stehenden.  Dank langjährigen Bemühungen (Prof. Ekier, Jahrgang 1913, arbeitet an seiner Chopin Edition seit 1959!) disponiert die Redaktion über alle Originale oder  Fotokopien praktisch aller existierenden Quellen. Als einzige weltweit berücksichtigt sie auch alle Notenexemplare, die Chopins Schüler während des Unterrichts mit dem Meister benutzten (mit seiner Handschrift sind es über 4000!)

 

Chopin  wehrte sich entschieden gegen Veröffentlichung seiner Werke, die er selbst nicht zum Druck vorbereitet hatte. Sein Wunsch blieb unerfüllt. In dieser Situation, um zumindest ein wenig Respekt dem Komponisten entgegen zu bringen, haben die Herausgeber der Polnischen Nationaledition diese Kompositionen (69 an der Zahl) extra als B- Serie herausgegeben. Den Hauptteil des Chopin Gesamtwerkes (162 Kompositionen, zu seiner Lebzeiten erschienen) bildet die A- Serie.

 

Die ganze Arbeit von Redakteuren der Polnischen Nationalausgabe erfolgt  unter Anwendung von modernster Technik. Alle Quellen wurden mit höchster Sorgfalt geprüft und gründlich mehrfach analisiert. Einer der wichtigsten Aspekte der Ausgabe ist auch deren Handhabe: Chopins Originaltext wird mit dem Text der Herausgeber ergänzt (mit anderen Schriftart). Dies erleichtert dem Pianisten das Einstudieren der Werke und deren Ausführung.  Jedes Notenexemplar beinhaltet ausführliche und fundierte Kommentare. Als Einleitung zu jedem Notenexemplar haben die Herausgeber Zitate aus Chopins Briefen, bzw. Erinnerungen seiner Schüler und Freunde eingebracht, was dem Pianisten hilft sich in die Atmosphäre, in der Chopin die jeweiligen Werke komponiert hatte, zu versetzen. 

 

Während meiner Konzertreise nach Polen (Ende 2007) besuchte ich in Warschau die Stiftung, die 1998 von Prof. Ekier einberufen wurde, um die, unter seiner Leitung geführte Urtextausgabe, zu fördern. Dort sah ich ein Plakat mit dem Konzert f-Moll von Chopin in der Solofassung für ein Klavier. Auf dem Plakat stand nur der Name eines Pianisten. Der Name eines Orchesters fehlte. Ich war erstaunt und bat um Aufklärung. Als ich erfuhr, dass diese Fassung legitim ist, besorgte ich mir sofort Notenexemplare beider Chopins Klavierkonzerte in der Version für Klavier solo. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass das e-Moll Konzert in der Solofassung bereits auf CD erschienen ist, eingespielt von einer japanischen Pianistin.

 

In der Einleitung zu Konzerten, in der Ekier Ausgabe, habe ich gelesen, dass zu Chopins Lebzeiten alle seine Konzertwerke in vier Versionen aufgeführt worden sind, u.a. in der Fassung für Klavier solo. Diese, damals grundsätzliche Editionsform von Klavierwerken mit Orchesterbegleitung – Klavier solo normal gedruckt, Tutti und manche Instrumentaleinsätze des Orchesters kleiner gedruckt – wurde zur Aufführung in Salons und sogar in Konzertsälen genutzt. Dies beweisen gedruckte autorisierte Varianten zur Verwendung bei „Ausführung ohne Begleitung“, die bei kleineren Konzertwerken Chopins (Op. 2, 14) zu finden sind und ein, vom Komponisten selbst ergänztes Unterrichtsexemplar des Konzertes f-Moll (mit der linken Hand ausgeführte  harmonische Begleitung zum Rezitativ im zweiten Satz des Konzertes, Takte 45 – 72). Es ist nicht ausgeschlossen, dass Chopin das Konzert e-Moll in der Version für Klavier solo selbst öffentlich aufführte.

 

Ich entschloss mich, meine Pläne bezüglich meiner neu geplanten CD- Einspielung zu ändern, um Chopins Konzerte in der Version für Klavier solo einzuspielen. Die Arbeit war nicht einfach, da ich beide Konzerte oft mit Orchester und auch mit Streichquartett aufgeführt hatte. Am Anfang fehlte mir ein wenig das Konzept, aber dann beschloss ich von der Orchesterfassung Abstand zu nehmen. Seitdem hat mir die Aufnahmevorbereitung viel Spass bereitet (meine letzten Erfahrungen mit Dirigenten waren leider nicht die besten ...). Es war mir bewusst, dass meine Aufgabe sehr verantwortungsvoll ist, und dass manche voreingenommen, skeptisch oder sogar misstrauisch sein könnten, hatte jedoch Überzeugung, dass ich das richtige tue. Ich wagte etwas Neues und das kann auch gefährlich sein.

 

Wie ich von Prof. Ekier persönlich erfahren konnte, hat Chopin selbst Soloversionen seiner Konzertwerke befürwortet, sonst hätte er diese nicht so oft korrigiert (vor allem den Part des Orchesters in der Fassung ohne Orchester). Außerdem erschienen Chopinsche Konzertwerke in der Version für Klavier solo schon zu seinen Lebzeiten im Druck (Serie A), im Gegensatz zu Version für zwei Klaviere (Serie B).

 

Mit grosser Anspannung erwartete ich die Reaktionen der Kritiker und Zuhörer (meine Einspielung wurde u.a. im Polnischen Rundfunk gesendet). Das Ergebnis hat mich bestätigt, dass mein Wagnis sich gelohnt hat. Die meisten Rezensionen waren sehr gut und die Zuhörer waren begeistert. Lediglich ein paar Kritiker (interessanter Weise zwei aus der gleichen Zeitschrift) haben es nicht verstanden (oder nicht wahrnehmen wollten), dass bei meiner Aufnahme sich nicht um meine eigenen Transkriptionen oder andere Arrangements, sondern um Chopins Original handelt.

 

Aufgemuntert in meinem Vorhaben entschloss ich mich, zum Chopin-Jahr 2010 auch die restlichen, weniger populären vier Werke (Variationen über „La ci darem la mano“ („Reich mir die Hand ...“) aus Mozarts „Don Giovanni“ B-Dur Op. 2, Fantasie über polnische Wesen a-Dur Op. 13, Rondo a la Krakowiak F-Dur Op. 14, sowohl Andante spianato und Grande Polonaise brillante Es-Dur Op. 22) auf CD einzuspielen. Leider waren zu diesem Zeitpunkt Teile der Notenvorlage, bis auf Grande Polonaise, noch nicht druckbereit.  Diesbezüglich habe ich Kontakt mit den Herausgebern der Polnischen Nationaledition aufgenommen. Wir vereinbarten miteinander, dass sobald die korrigierte Notenvorlage druckbereit ist, bekomme ich die Kopien, bevor die Konzertwerke im Druck erscheinen. Leider hat sich der geplante Termin um ein ganzes Jahr verschoben, was für mich sehr traurig war, was mich jedoch noch mehr von der Gewissenhaftigkeit der Herausgeber überzeugte. Die ganze Zeit blieb ich im Kontakt (telefonisch, per Mail und Post) mit Pawel Kaminski, der seit Jahren an der Seite von Prof. Ekier an der polnischen Urtextedition arbeitet. Ich bekam nach und nach immer noch nicht druckbereite Vorlagen für die Aufnahme. Mehrere Telefongespräche und Mails folgten. Bis zum heutigen Tag sind die Konzertwerke noch nicht im Druck erschienen.

 

Nach dieser ungewöhnlichen Aufnahmevorbereitung liegt nun, zwar mit grosser Verspätung, jedoch noch im Chopinjahr, erstmalig Chopins Gesamtwerk für Klavier und Orchester in der Version für Klavier solo auf Doppel-CD vor. Die in Vergessenheit geratene Solofassungen chopinscher Konzertwerke (bis auf Grande Polonaise brillante und gelegentlich Variationen Op. 2) haben durchaus gewisse Vorteile: vor allem kann man die Konzertwerke in dieser Form auch in kleineren Sälen, Schulen etc. aufführen, ohne ein Orchesterensemble zu benötigen (was in Krisenzeiten grosse Ersparnisse für Veranstalter bedeutet ...). Außerdem unterstreichen Konzertwerke in der Version für Klavier solo noch mehr den Einfluss der polnischen Volksmusik, die Chopin so sehr liebte, und machen noch mehr bewusst, wie stark die polnischen Tänze: Kujawiak, Krakowiak, Mazur und Polonez (Polonaise ) sein damaliges Schaffen inspirierten.

 

Ein wichtiger Faktor in den Solofassungen ist meines Erachtens die gewonnene interpretatorische Freiheit für den Pianisten. Heutzutage werden leider Konzerte mit Orchester meistens nach nur ein bis zwei Proben mit dem Solisten aufgeführt, eine viel zu kurze Zeit - gerade, wenn man mit Dirigenten und Orchester nicht aus der „ersten Liga“ spielt. Manchen Dirigenten mangelt es leider an Flexibilität und Sensibilität. Um das Konzert nicht zu gefährden, ist man als Solist nicht selten „gezwungen“, gegen sich selbst zu spielen. Manchmal wird es sogar fast zum einzigen Ziel, während der Aufführung gleichzeitig das Konzert zu beenden (Solist und Orchester samt Dirigent) … Nach so einem Konzert, wo man keine Persönlichkeit sein darf und  nicht aus der Seele spielen kann, ist man oft niedergeschlagen und so frustriert, dass man weinen möchte. Ich erlebte es leider nicht nur einmal.

 

Also, wäre es kein schöner Kompromiss „ohne Orchester“? In dieser Version ist der Pianist gleichzeitig auch Dirigent, was sehr inspirierend sein kann. Übrigens: manche  Dirigenten und Orchester spielen die für sie „undankbare“ Begleitung nicht gerne, und deshalb haben viele Orchester auch in diesem Chopin-Jahr nicht einmal seine Klavierkonzerte in ihr Repertoire aufgenommen.

 

Drei durchaus sehr charmante kleine Kostbarkeiten (Variationen Op. 2, Fantasie Op. 14 und Krakowiak Op. 13) werden oft als weniger wertvolle, von einem unerfahrenen Komponisten geschriebene Kompositionen betrachtet und sehr selten aufgeführt. Ihren unschätzbaren Wert kann man nur  entdecken, wenn man sie ernsthaft, verantwortungsvoll und in Überzeugung von Chopins Genialität betrachtet. Diese Kompositionen verdienen es, dass man sie öfters dem breiteren Publikum präsentiert. Die Version für Klavier solo macht es möglich.

 

Freuen wir uns, dass die neueste polnische Urtextedition unter der Leitung von Prof. Ekier die in Vergessenheit geratenen Soloversionen Chopinscher Konzertwerke wieder lebendig werden ließ.

 

Joanna Michna, im März 2010